Shalom-Ensemble    



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Es klingt zynisch und kaum glaubhaft, aber bis September 1944 gab es so etwas wie kulturelles Leben in einem Konzentrationslager wie Theresienstadt, denn das Motto lautete: „Der Führer baut den Juden eine Stadt“. Dennoch grenzt es an ein Wunder, dass Werke jüdischer Komponisten, wie die eines Viktor Ullmann (1898-1944), der im Oktober 1944 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet wurde, aus den Lagern den Weg nach draussen fanden. Freilich gelangten sie erst in den letzten zehn Jahren an die Öffentlichkeit, wurden wieder aufgeführt und auch auf Tonträgern eingespielt. Vieles harrt jedoch noch der Entdeckung in Archiven, bei Überlebenden, Freunden oder Verwandten. Das Shalom Ensemble hat sich zur Aufgabe gemacht, nach diesen Werken zu forschen und sie aufzuführen.

Dabei erweist sich das musikalische Spektrum — auch das der Besetzungen — als denkbar vielschichtig: impressionistisches Melodram und spätromantische Lieder (Ullmann), avancierte Kammermusik, strenger Kontrapunkt (Passacaglia und Fuge für Violine, Viola und Cello von Hans Krasa (1899 — 1944) aus dem Jahr 1944 oder Tänzerisches. Zigmund Schul (1916 — 1944) ist da mit zwei chassidischen Tänzen für Violine und Viola vertreten, Erwin Schulhoff (1894 — 1942) mit der Suite dansante en jazz (1931) für Klavier oder der Sonate für Violine und Klavier (1929). Anders als das in Theresienstadt entstande Werk seiner Kollegen — er war in Würzburg interniert, wo er 1942 an Tuberkolose starb — wurden etwa seine zahlreichen, vom Jazz inspirierten Klavierstücke in den 20er Jahren viel gespielt und auch gedruckt. Bereits 1921 bekannte der Komponist in einem Brief an Alban Berg „eine unerhörte Leidenschaft zum mondänen Tanz und Zeiten, in welchen ich Nacht für Nacht mit Bardamen tanze, rein aus rhythmischer Begeisterung und sinnlichem Unterbewusstsein“.

Viktor Ullmanns farbige, facettenreiche Vertonung der Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke beschwört dagegen eine vergangene Welt — Schauplatz ist Preussen im Jahr 1663. Und nicht umsonst hatte der Komponist einen Text aus dem Jahr 1912 gewählt, der zum Gepäck vieler einfachen Soldaten schon im ersten Weltkrieg zählte. Charakteristisch für das nur in einer Fassung für Klavier und Sprecher vollständig überlieferte Stück (eine Instrumentierung für Orchester wurde nur ansatzweise überliefert) ist die Wahl eines Melodrams. Der grossartige Text Rainer Maria Rilkes über Soldatenleben im Krieg und den wortwörtlichen Tanz über den Abgrund, die Spannung zwischen Eros und Thanatos, wird also nicht gesungen, sondern zu durchgehender musikalischer Begleitung gesprochen. Die fünf Liebeslieder nach Gedichten von Ricarda Huch, aber auch die drei Hölderlin-Lieder sind im Klaviersatz von Alban Berg beeinflusst, in den Gesangslinien dagegen ganz spätromantisch expressiv.

Bei Gideon Klein (1919 — 1945), dem nur 26-jährig im Januar 1945 im Arbeitslager Fürstengrube von der SS Ermordeten, ist die stilistische Spannweite noch grösser: Hier das avancierte, mit Vierteltönen arbeitende Werk (Duo für Violine und Viola — unvollendet, 1990 erst wiederaufgefunden). Dort — im Streichtrio — die Synthese von mährischer Volksmusik und strengem, kammermusikalischen Satz oder das exquisite Lied.

Aber auch wer unter den jüdischen Komponisten nicht interniert wurde und rechtzeitig emigririerte wie Arnold Schönberg (1874 — 1951), musste diese traumatische Flucht und das Geschehen in Deutschland verarbeiten: Kurz nach seiner eigenen Version des Kol Nidre für Sprecher, gemischten Chor und Orchester, dem Gebet um Absolution am Vorabend von Jom Kippur, dem jüdischen Neujahrsfest also, komponierte Schönberg 1942 die Ode an Napoleon. Die berühmteste Kol-Nidre-Vertonung schuf übrigens 1881 Bruch. In der Version für Cello und Klavier zählt sie auch zum Repertoire des Shalom Ensembles. Wie in seinem eigenen Überlebenden aus Warschau und wie Schulhoff griff Schönberg auf das Melodram zurück und reflektierte auf einen Text von Lord Byron, der die Mechanismen der Macht psychologisch, subtil und hochpoetisch analysiert, das Gebaren und die grausame Widersprüchlichkeit Adolf Hitlers. Die Ode an Napoleon für Streichquartett, Klavier und Sprecher ist ein zentrales, enorm konzentiertes, leider selten gespieltes Werk Schönbergs, das mit einer Fülle musikalischer Details, die unlösbar mit dem Text verbunden sind, überrascht.

Gleichsam als Ergänzung dieses Repertoires des Shalom Ensembles dürfen die Ballade für Klavierquartett (1977) von Ödön Partos (1907 — 1977) und das einsätzige Klavierquartett von Alfred Schnittke (1934 — 1998) gelten, komponiert 1988 als eine Reflexion über den ebenfalls jüdischen Komponisten Gustav Mahler.

Klaus Kalchschmid



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